Die Meerforelle hat vielerorts und bei manch einem den Ruf, ein ausgesprochener Frühlings- oder Herbstfisch zu sein. Das Wasser darf nicht zu warm werden, weil in den typischen Meerforellenrevieren der Ostsee (d.h. meist relativ gemächlich abfallende Uferpartien) dann die Passivität zunimmt oder die Fische in tiefere, schlecht anfischbare Regionen verschwinden – zumindest über Tag. Die nächtliche Meerforellenfischerei im Sommer ist ja durchaus ein großes Thema, und auch die frühen Morgen oder Abendstunden sollen auch in direkter Ufernähe erfolgreich sein.
Für mein Dafürhalten gelten diese grundsätzlichen Prinzipien an der Westküste Schwedens (präzisiert, in Bohuslän) nicht. Der Sommer ist eine ganz hervorragende Meerforellenzeit. Meiner Meinung nach aus dreierlei Hinsicht:
- Das unverwechselbare Felsenufer sorgt an vielen Stellen für sehr tiefes Wasser direkt unter der Rutenspitze. Und an diese Stellen ziehen sich die Fische zurück, wenn es an den typischen eher flachen Meerforellenstellen zu warm wird. Zwei, drei oder vier Meter unter der Oberfläche ist es schlicht deutlich kühler. Anders als in der Ostsee sind diese tiefen Bereiche dennoch mit Einfachheit vom Ufer zu erreichen. Man steige aus dem Wasser und gehe an Land: Vom typischen, mit der Wathose beangelten Meerforellenufer wechselt man zur Landfischerei von einem schönen Felsen mit Tiefwasser vor der Brust – und das innerhalb von Minuten.
- Der Skagerrak sorgt für ordentlich Strömung und Bewegung unter Wasser, hinzu kommen Gezeiten. Die Lage dieses Reviers sorgt dafür, dass das Meer grundsätzlich deutlich mehr in Bewegung ist als Gebiete innerhalb der Ostsee. Der unmittelbare Anschluss an den Atlantik macht sich sowohl in Bezug auf die Wasserströmungen, als auch durch Windverhältnisse (die wiederum Strömungen erzeugen) bemerkbar. Je nach Wind- und Strömungsrichtung und auch in Abhängigkeit von Ebbe und Flut findet man dutzende Spots, die für die aktuelle Situation gerade vorteilhaft sind. Vereinfacht ausgedrückt: Strömungen ziehen Fische an und machen diese munter. Insbesondere bei tendenziell höheren Wassertemperaturen. Und weil es viele dieser Stelle gibt, kann man eigentlich immer Stellen identifizieren, wo sich Fisch aufhält.
- Die Wassertemperatur an der Küste Bohusläns ist tendenziell niedriger als in der Ostsee (laut ChatGPT 15-18 Grad, im Vergleich Eckernförde an der Ostsee: 18-20 Grad). Und weil es Meerforellen, wie alle Forellenarten, am liebsten deutlich kühler als 18 Grad haben, erscheint es logisch, dass Meerforellen hier oben auch im Sommer über einen längeren Zeitraum eine höhere Aktivität beibehalten.

Wie geht man nun vor?
Höhere Wassertemperaturen verlangen nach höheren Einholgeschwindigkeiten (also bevor es zuu warm wird und die Aktivität wieder merklich abnimmt).
Inspiriert von Bernd Ziesche und einiger seiner Publikationen hatte ich vor einiger Zeit ein wahres Erweckungserlebnis: Die erste Hälfte des Tages klassisch mit Intermediate über mitteltiefen Wasser (1-3 Meter) fischend, wechselte ich am Nachmittag auf eine sehr schnell sinkende Schnur (Sink 7). In Kombination mit einer Speedfliege (Samsökiller, von Bernd Ziesche) und einer Speed-Einholmethode (Bernd Ziesche …) bekam ich unmittelbar Reaktionen. Diese Technik kann man auf Dauer als durchaus körperlich anstrengend bezeichnen und man kann es kaum über Stunden durchhalten, aber die Ergebnisse waren beeindruckend – auch bei folgenden Ausflügen.
Nach dem Aufkommen auf der Wasseroberfläche lässt man die Fliege noch einige Sekunden durchsacken und gibt dann Gas – so schnell strippen wie es geht!
Kurze Anleitung für diese etwas extremere Fischerei:
Gerät (Fliegenfischen):
- Rute: Klasse 7 oder 8
- Schnelle Sinkschnur (Sink 7 – Sink 10)
- 1,50 Meter 0,33er Vorfach (Geschwindigkeit provoziert Gewalt …)
- Langstreckte Köder, wie der genannte Samsö Killer. Tobi Muster funktionieren auch gut.
Wo:
Mittel bis steile (Fels)küste. Ich meine Stellen, die schon wenige Meter vom Ufer entfernt mindestens 2,5 Meter Tiefe haben. Nach unten hin gibt es aber keine Grenzen und man fängt Forellen ohne Probleme über einigen Metern Wassertiefe.
Und dann je nach Strömung und Wind: Grundsätzlich erscheint es als positiv, immer möglichst viel von beidem um die Ohren zu haben. Die oben geschilderte Speed-Strip Methode brachte aber auch bei absoluter Flaute und stehendem Wasser Erfolg.
Die Stellen sind häufig unglaublich schön und würde man eher irgendwo im Mittelmeer vermuten, als im hohen Norden Europas. Kleine Sandbuchten, and den Seiten eingefasst durch Felsen, mehrere Meter Sicht, nach vorne raus das offene Meer, muten eher an Badebuchten an der Cote d´Azur an als an Meerforellenstellen.

Wann:
Meine Erfahrungen bezgl. dieser geschilderten Felsangelei beschränken sich auf den lichten Tag (sonnig und bewölkt). Abends, morgens und nachts sind eher klassische Methoden erfolgsversprechend.
Wie:
Sowohl (bei entsprechender Tiefe) in direkter Ufernähe, z.B. an abfallenden Felsufern parallel geworfen, aber auch direktgeradeaus ins Freiwasser gepfeffert.
Die oben geschilderte Angelmethode funktioniert sehr gut, aber ist sicherlich nicht die einzige Methode, die im Sommer Fisch bringt. Man hat auch mit klassischeren und deutlich entspannteren Herangehensweisen Erfolg – sowohl was die Stellen- als auch die Geräte- und Technikauswahl angeht.
Sinkschnüre, so Sink 2 bis 4, halte ich (tagsüber) aber für fast immer für sinnvoll. Die ganz flachen Frühlingsstellen fischt man sowieso nicht und ein zügiges Einholen, was diese Schnüre erfordern, ist im Sommer meist nicht verkehrt.
Wer nicht über den ganz tiefen Stellen Fischen möchten, und damit meine ich 2,5 bis 6, 7, 8 oder mehr Meter – wie oben geschildert, sucht sich am besten Bereiche, die ich den folgenden Kategorien zuordne:
1. Riffartige Strukturen
Als Riffartige Strukturen meine ich Stellen vor plateauartigen Felsstrukturen an Land, die dann unter Wasser in moderater Tiefe weitergehen. Sehr viel felsige Struktur und Wasserpflanzen zeichnen diese Stellen aus. Häufig kann man diese Stellen noch direkt vom Land befischen.

2. „Grobsteinufer“
Grobsteinufer sind im Grunde Strände, die nicht aus Sand bestehen, sondern aus groben Steinen. Die Angelei an diesen Stellen ist mitunter sehr mühsam, weil man auf sehr unwegsamen Grund watet – also glitschig bewachsende, runde, große Steine. Häufig geht es an diesen Stellen recht schnell aber gleichmäßig in die Tiefe. Fische fängt man sowohl parallel zum Ufer geworfen als auch auf volle (Fliegenfisch)Wurfweite.

3. Außenbereiche von kleinen Buchten
Dort, wo kleine Einbuchtungen, manchmal mit Sandstrand, Richtung Buchtausgang tiefer werden, kann es sehr gut sein. Hier gibt es manchmal interessante Strömungsverhältnisse und die Angelei ist an diesen „Mittelmeerstellen“ herrlich.

Für Spinnfischer und Kunstköderangler lassen sich die gleichen Prinzipien anwenden. Und oft ist es mit dieser Methode sogar deutlich einfacher, die Meerforelle zu beangeln. Felswände im Rücken, unvorteilhafte Windrichtungen etc. spielen einfach kaum eine Rolle. Mittelschwere Spinnrute, schlanke (etwas schwere Küstenblinker) und los geht´s!
An dieser Stelle noch ein Sicherheitsrelevanter Hinweis: Mitunter steht man mehrere Meter über dem Wasser, die Felswand vor den Füssen direkt steil abfallend (auch deshalb sind schnelle Sinkschnüre wichtig, um nicht nur im Oberflächenfilm zu fischen). Wenn man hier ins Wasser fallen sollte, kann es problematisch werden, wieder hinaus zu kommen. Große Achtung insbesondere, wenn man eine Wathose trägt.
Mehr tolle Artikel lesen
20. Januar 2026
Aktivitäten in Dalsland,Outdoor und Natur,Aktivitäten in Bohuslän,Das Leben als Naturfamilie,Scandi Lifestyle in Westschweden
Küste trifft Wald
Bohuslän und Dalsland sind beides für sich schwedische Regionen, die in Bezug auf Ihre Bekanntheit im Ausland nicht unbedingt als Schwergewichte der schwedischen Landschaften durchgehen. Man kennt…
6. Januar 2026
Aktivitäten in Bohuslän,Angeln
Bohuslän – Ein komplettes Meerforellenrevier
Eines vorweg: Der westschwedische Landstrich Bohuslän ist anders. Anders als die allermeisten Meerforellenreviere, die man im Ostseeraum findet – keine Flache Landschaft und mit Glück leicht behügelt…
15. Dezember 2025
Aktivitäten in Dalsland,Outdoor und Natur
Kynnefjäll – ein Hauch von Nordland im Westen
Die typischen schwedischen Fjelllandschaften – karg, weit, hügelig bis bergig mit einer Menge Wasser zwischendrin – sind das, was mich an Schweden in jungen Jahren als erstes fasziniert hat. Ein…
5. Dezember 2025
Outdoor und Natur,Aktivitäten in Dalsland,Scandi Lifestyle in Westschweden,Das Leben als Naturfamilie
Pilz Land
Es war die zeitlosteste Zeit meines Lebens – das Corona Premierenjahr 2020. Elternzeit, ein neugeborenes Leben zu Hause, und abgeschiedenes Leben in einem Waldgebiet vor Göteborg – und Freunde zu…
17. November 2025
Angeln,Outdoor und Natur,Aktivitäten in Bohuslän
Veddö – Meerforellenangler´s Paradies
Auf den irischen Inseln war ich noch nie, deswegen kann ich auch nicht sagen, wie es dort ist. Aber Stelen wie auf Veddö muss es in Irland aussehen – zumindest in meiner Vorstellung. Veddö ist…















