Das Privileg, ein kleines, sehr feines Angelgewässer nur 200 Meter vor der eignen Haustür zu haben, ist unfassbar groß. Aber die Besonderheit dieses Umstands permanent für sich selber präsent zu haben, ist mitunter schwierig. Der Mensch als Gewohnheitstier gewöhnt sich halt an alles und das Besondere neigt dazu, im Laufe eines unerbittlichen Gewöhnungsprozesses zu verblassen. Dieser Text dient also auch Stück weit dazu, diese unwahrscheinliche Situation, als Angler mit Sicht auf sein – im wahrsten Sinne des Wortes – Hausgewässer zu wohnen, neu ein- und vor allen Dingen wertzuschätzen.

Das Gewässer

Der kleine See ist ein für unsere Region typischer, nährstoffreicher, relativ dunkler See. Das Schilfufer erstreckt sich rund ums Ufer, und es ist fast unmöglich, trockenen Fußes an den Rand des Schilfgürtels zu gelangen, also dahin, wo der freie See beginnt. Direkt hinterm Schilfgürtel in die andere Richtung beginnt der Wald. Vom See aus eine dichte, undurchdringliche Wand, an zwei Stellen kaum wahrnehmbar unterbrochen durch einen Zu- und Abfluss. Ein verstecktes kühles Kleinod, satt liegend im Wald.

Der See ist Heimat von dutzenden Tier- und Pflanzenarten, und ist für sich ein faszinierendes, funktionierend Biotop. Mit einem (oder mehreren?) Bibern als Hautattraktion. Dazu eine reiche Insektenwelt, Vögel, alle möglichen Wasserkreaturen, Ringelnattern und natürlich Fische. Diese mitunter in Massen und durch Aktivität an der Wasseroberfläche oft leicht auszumachen.

Unser Haussee - ein kleiner für die Region typischer Waldsee mit tollem Fischbestand.

Das Angeln

Das Angeln ist mit dem, was man in der Regel aus West- und Mitteleuropa meist kennt, nicht vergleichbar. Je nachdem, wo man wohnt, hat man ja mitunter ziemlich miese Gewässer als einzige direkte Angelmöglichkeit. Ich kenne das aus meinen eigenen harten Junganglerjahren: Jeder Barsch ein Erfolg, jeder Hecht ein riesiges, seltenes Erlebnis, ein Zander glich der Gewinn der Champions League.

An einem nährstoffreichen und zu dem kaum beangelten See wie diesem hier (es ist ein Privatgewässer, d.h. ohne Angelkartenverkauf), ist die Lage grundsätzlich anders. Auch hier kann man mal nach zwei Stunden ohne jeden Fischkontakt vom See rudern. Aber meistens geht irgendetwas. Und häufig auch das, wonach ich aus bin: Der Fang eines Ü-40 Barsches. Das Problem das ich habe: Meerforellen-Spots und einen hervorragenden Lachsfluss direkt in der Nähe. Da sieht mich der See dann doch gar nicht so oft – und die Barsche können wachsen.

Natürlich sind nicht alle Fische, die man hier fängt, nennenswert groß - aber schöne Momente schaffen ihre Qualität ja unabhängig von der Größe des Fangs.

Das Baden

Gemessen an der Größe des Sees und der Anzahl der Badegäste (zu 90% ein Kreis von vielleicht 10 Leuten, alle in der Nachbarschaft wohnend) ist  unser Badesteg gigantisch. Wir haben einen tollen Holzsteg, und mit diesem verbunden mehrere schwimmende Plattformen, so als ob man an heißen Angeltagen Horden von Kindern zu erwarten hätte. Zumindest unsere Kinder lieben den Sprung ins Wasser; wenn sie auch den Anblick alter Männerkörper in voller Pracht riskieren: Die kleine Nachbarschaftsholzsauna am Badeplatz lockt nämlich auch alte Schweden zur regelmäßigen Nutzung,

Das leichte Sommer-Leben am Wasser - entspannter Plausch zwischen Onkel und Neffe

Das Bootfahren

Das Benutzen von kleinen Wasserfahrzeugen ist immer wie das Eintauchen in eine andere Welt. Sich vom Steg abzustossen und dann fast auf Wasserlinienhöhe gleitend die Perspektive einmal komplett zu ändern, ist immer ein meditativer Moment. Da ist es nicht wichtig, ob man in einem alten schrumpeligen Angelkahn wie dem unseren sitzt, in einem verbeulten Alu-Kanadier oder einem hochmodernen Seekajak. Eine kleine Spritztour über den See ist ein herrlicher kurzer Ausstieg vom Landleben, und zum vollen Genuss braucht es nicht einmal eine Angel in der Hand. Einmal vom See kommend sich einem Schilfgürtel mit samt der hier wohnen Tierwelt zu nähern oder eine Biberburg zu erkunden sind Erlebnisse, die trotz ihrer Schlichtheit immer wieder toll sind.

Das Rudern entlang einer Schilfkante, womöglich mit einem Köder im Schlepp, hat etwas absolut Entspannendes.

Das Verweilen

Wasserflächen sind schon immer ein Ort, der Menschen anzieht und ja auch zivile Gebiete maßgeblich prägt. Städten ohne prägende Wasserkörper fehlt meiner Meinung einfach was. Köln ohne Rhein? Hamburg ohne Alster? Frankfurt ohne Main? Kaum vorstellbar. Vielleicht ist das der Grund, warum Stuttgart nie so richtig meine Stadt wurde (ja, der Neckar …).

Einen See mit Steg und solider Bank direkt vor der Tür zu haben, ist da eine unglaubliche Qualität. Wir besuchen den Platz als Familie für kleine Picknicks, ich sitze gerne mal hier rum und lasse den Blick schweifen und lausche in die Natur. Und ständig kommen wie einfach nur her, meist ohne Grund, einfach, weil wir mal „an den See“ gehen wollen.

Am Wasser gibt es immer irgendwas interessantes zu entdecken. Stege sind Plätze mit einer natürlichen Anziehungskraft für alle großen und kleinen Entdecker.

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